Das Gebet

Das Gebet hat einen sehr frommen Ruf, aber es ist wertneutral. Denn es ist davon abhängig, zu wem man betet. Ich als Christ denke jedenfalls, es ist besser, gar nicht zu beten, als z. B. zum germanischen Kriegs- und Totengott Odin oder anderen entsprechenden "Gottheiten", die der Mensch sich nach seinem Abbild geschaffen hat. Ist es also gut, zu Gott zu beten? Jeder Christ würde "ja" sagen, aber was ist, wenn man dabei dann auch nur an einen selbst geschaffenen Gott denkt? Das klingt konstruiert, ist es aber nicht. Denn bei zahlreichen Kriegen wurde der christliche Gott angerufen mit "Gott segne unsere Waffen". Das geschah beim 1. Weltkrieg (ich meine auf beiden Seiten), es geschah im letzten Balkankrieg und es geschah noch viele andere Male. Ebenso wurde und wird materieller Wohlstand immer wieder als Wohlgefallen vor Gott interpretiert. Ob diese Menschen durch ihre Gebete dennoch etwas für ihr Seelenheil tun, darüber möchte ich kein Urteil abgeben, ich überlasse es dem Höchsten.

Zweifellos ist der christliche Gott aber kein Wesen, das man sich nach seinen eigenen Wünschen zurechtzimmern kann. Gott hat sich selber mitgeteilt in einem Buch, das nach christlichem Glauben von ihm inspiriert wurde: die Bibel. Für die Christen ist das, was Jesus Christus gelehrt hat, dabei von besonderer Bedeutung. Beim Beten zum christlichen Gott kommt man also nicht daran vorbei, sich mit der Lehre von Jesus intensiv auseinanderzusetzen. Auf die Frage, wie man beten soll, hat Jesus folgendes gesagt:

"Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.
Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von den Bösen.

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.
Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben." (Matthäus 6,5 bis 6,15)

Da Gott auch das Verborgene sieht, ist es gar nicht notwendig, das Gebet zu sprechen - es reicht, wenn es gedanklich verrichtet wird. Die Aufforderung, das Gebet im Verborgenen zu verrichten, ist sogar eine Einladung dazu.

Befolgt man Jesu Anweisung, kommt man nicht darum herum, über die eigenen Verfehlungen nachzudenken, sie sich noch einmal vor Augen zu führen anstatt sie zu verdrängen, wie das so oft geschieht. Der Satz "Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden" macht deutlich, dass das Gebet nicht den Zweck hat, persönliche Wünsche in Erfüllung gehen zu lassen. Das Ziel ist, dass Gottes Wille auf der Erde geschieht. Das kann in einer Konfliktsituation durchaus auch bedeuten, dass der Fall eintritt, den man sich persönlich überhaupt nicht wünscht - z. B. wenn man selber nicht im Recht ist. So ist dieses Gebet stets mit der Frage verbunden: Was kann hier der Wille Gottes sein? Man ist stets aufgefordert die eigene Handlung vor dem allwissenden Gott zu reflektieren, der nicht nur das weiß, was man vielleicht dem einen oder anderen verheimlichen konnte, sondern auch die Absichten und Ideen kennt, die noch gar nicht umgesetzt sind.

Der Satz "Unser tägliches Brot gib uns heute" kann verstanden werden als "gib uns das, was wir am nötigsten brauchen". Wie schon Jesus sagt, Gott weiß, was das ist. Das kann etwas sein, das wir uns wünschen, muss aber nicht. Wie können wir auch selber wissen, was für uns am Wichtigsten ist, wo wir doch unsere Zukunft gar nicht kennen? Ich für meinen Teil weiß heute, dass einige Niederlagen in meinem Lebenslauf sehr wichtig für mich sind und bin sehr dankbar, dass ich sie erlebt habe. So habe ich erst durch ein paar schmerzhafte Misserfolge bei Prüfungen gelernt, wieviel man aus Niederlagen lernen kann und wie wichtig diese sind. Bis dahin habe ich sie als Schande empfunden. Ich bin heute auch sehr froh, dass viele meiner Zeugnisse nicht besser ausfielen, weil es sonst falsche Zeugnisse über mich wären und weil ich weiß, wie problematisch es ist, wenn man besser eingeschätzt wird als man ist.

Auffällig bei diesem Gebet ist auch, dass es stets heißt "uns" statt "mir". Man betet nicht für sich alleine, man betet auch für die anderen, für Freund und Feind gleichermaßen.

Das Vater Unser zu beten ist also keine Zauberformel, die man herunter murmelt, es ist eine Anleitung zur inneren Umkehr, zum Reflektieren des eigenen Standpunktes und der eigenen Vorstellungen. Ein geistiges Handwerk, das erlernt und geübt werden muss. So ist es auch gut möglich, dass ein ernsthaftes Beten des Vater Unsers (statt eins Gott segne unsere Waffen) von allen Verantwortlichen vor einem Krieg den entsprechenden Krieg verhindert.

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